19. November 2021

Von der Realität überholt: Papier im Film

Dem geneigten Cineasten wird die Zahl 451 °F (ca. 233 °C) viel sagen. Dem ebenso geneigten Digitalisierungsexperten sind die Konsequenzen daraus ein Grund zur Freude. Denn bei dieser Temperatur entzündet sich in der Dystopie Fahrenheit 451 das in der Zukunft verbotene Papier von Büchern. So weit ist es in der Realität nicht gekommen. Und auch sonst lag Hollywood ziemlich häufig mit seiner Prognose beim zukünftigen Umgang mit Papier daneben. Zeit für eine kleine Abrechnung.

Das Überleben von Gedrucktem

Nun ist es müßig, sich über die vielen gescheiterten Prognosen aus Hollywood lustig zu machen. Wir fliegen nicht mit Autos durch die Luft (sind aber nah dran), wir leben nicht in einer virtuellen Realität (zumindest nicht dauerhaft) und wir sind nicht durch ein Mittel gegen Krebs zu lichtscheuen Vampiren geworden (Querdenker würden sagen: abwarten). Und 55 Jahre nach Erscheinen des Filmklassikers von François Truffaut werden (zum Glück) keine Bücher verbrannt. Ganz im Gegenteil: Gedrucktes ist auch aus der Unternehmenswelt nicht wegzudenken. Das gilt vor allem für das viel geliebte Fax.

Zurück in die Vergangenheit

Wer in der Zukunft keine feige Sau sein will, sollte sich der Konsequenz seines Handelns genau bewusst sein. So wie Marty McFly (siehe hier) in Zurück in die Zukunft II aus dem Jahr 1989. Während hier im (damals zukünftigen Jahr 2015) die Videotelefonie über den großen Bildschirm an der Wand Einzug gehalten hat (was auch stark an Zoom-Calls erinnert), wird hier die Zustimmung zu einem illegalen Projekt mittels eines Karten-Scans erteilt. Immerhin papierlos.

Der Clou: Die Kündigung als Konsequenz für ihr Fehlverhalten erhält die Filmfigur innerhalb von Sekunden in Form eines Faxes. Und das gleich mehrfach. Auf Papier. Gedruckt. Diese Szene könnte sich in Deutschland demnach genauso abgespielt haben. 2015 und das Fax ist noch in aller Munde. Wir vergeben nur für diese Szene optimistische 6 von 10 Punkten auf der Papier-ist-auch-im-Film-geduldig-Skala.

Festplattenschaden

Das Hirn als Datenspeicher? 1995 illustriert Keanu Reeves in seiner Rolle als lebende Festplatte Johnny Mnemonic – nach einer Vorlage von Cyberpunk-Erfinder William Gibson –, was im Jahr 2021 sowohl im Film als auch im echten Leben verstörende Realität geworden ist: Zu viele Daten machen krank, vor allem, wenn man sie wie der Filmheld lokal speichert.

In (schlechter) Erinnerung hingegen bleibt eine Szene, in der sich das Gedächtniswunder mit Datenbrille und -handschuh in ein Computersystem hackt (immerhin hat auch im Film das Internet weltweit Einzug gehalten) und einer Verschwörung auf die Spur kommt (siehe hier). Zwar sind hier Unternehmensdaten in digitalen Akten hinterlegt. Aber, man glaubt es kaum: Der Plot verdichtet sich, weil auch hier Faxe in Copyshops geschickt werden. Man könnte denken, dass sich deutsche Verwaltungen und Versicherungsunternehmen den Film als Vorlage für die Digitalisierung genommen haben. Wir bewerten mit realitätsnahen 7 von 10 Punkten auf der Wir-haben-die-Faxen-dicke-Skala.

Weitersagen

“… Soylent Green ist Menschenfleisch”. Die dramatische Wende dieses Films (deutscher Titel: … Jahr 2022 … die überleben wollen) aus dem Jahr 1973 zu verraten, ist längst kein Spoiler mehr, sondern ein geflügeltes Wort. Überbevölkerung, Umweltzerstörung, der Streit um Ressourcen – das im Ökothriller herbeifantasierte Jahr 2022 ist nicht mehr weit weg, aber wir dürfen davon ausgehen, dass wir uns eher von synthetischem Fleisch ernähren werden als von unseren Artgenossen.

Amüsante Details (siehe hier): Computerspiele sind auf dem Stand von 1973 stehen geblieben (vielleicht nicht allzu überraschend – auch heute ist ja Retro in), und nur wenige Bücher haben in einer der letzten Bibliotheken überlebt. Aber ganz dramatisch für die Verfolgung der Straftat, die am Anfang des Films steht: Auch 2022 ist die Polizei nicht digitalisiert, wichtige Reports und Polizeiakten werden noch immer auf Papier ausgedruckt. Immerhin wird hier nicht gefaxt. Wir finden: 8 von 10 Punkten auf der Erst-kommt-das-Fressen-dann-die-Digitalisierung-Skala.

Peinlich, peinlich

Was passiert, wenn in der Zukunft das Papier ausgeht, muss Sylvester Stallone im Film Demolition Man (gedreht 1993) erfahren (siehe hier). Im inzwischen nicht mehr allzu fernen Jahr 2032 kommt die Gesellschaft so gut wie ohne Papier aus. Videotelefonie ist Standard, die Autos fahren elektrisch, und alle Daten werden in Computern gespeichert. Und selbst auf den Toiletten verbirgt sich das Geheimnis perfekter Hygiene hinter drei Tasten mit Muscheln darauf.

Die Hauptfigur aus dem Jahr 1996 leidet jedoch an Anpassungsstörungen an die Zukunft, weshalb die letzte Bastion der Papierfreunde hier als Ersatz für das geliebte Toilettenpapier hergenommen werden muss. Denn in dieser Zukunft wird die Benutzung von Schimpfwörtern bestraft und das Bußgeld gleich digital vom Konto abgebucht. Der Beleg für diese Ordnungswidrigkeit erfolgt tatsächlich noch analog auf Papier. Und wer zehnmal flucht, hat die Rolle zusammen. Erinnert stark an die Bonpflicht in deutschen Bäckereien. Wir wissen nicht, wie die Wirklichkeit in zehn Jahren aussieht, aber Stand heute vergeben wir 9 von 10 Punkten auf der Papier-ist-für-den-*****-Skala.

And the winner is …

Eine Welt ohne Papier. Man glaubt es kaum, aber in Star-Wars-Filmen spielt Papier keine Rolle. Die Baupläne für den Todesstern werden digital gespeichert, Zugangsdaten als Code versendet, und Hologramme ersetzen sogar Videotelefonie. Allerdings spielt die Saga nicht in unserer Zukunft, sondern in einer weit, weit entfernten Galaxie vor sehr langer Zeit. Das bedeutet: Die Außerirdischen waren uns schon früher ganz weit voraus. Immerhin diese Vision aus Hollywood hat sich voll und ganz bewahrheitet.

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