08. Juli 2021

Kein Bock auf digital?
Deutschland hängt sich ab

Schule, Netzabdeckung, Verwaltung: Dass Deutschland bei der Digitalisierung in vielen Bereichen hinterherhängt, ist ein offenes Geheimnis. Aber dass auch die Bürger skeptisch bei der Nutzung der digitalen Angebote sind, überrascht dann schon. Doch es gibt Hoffnung.

Lieber das Altbewährte …

Seit Jahren wird versprochen, die Anbindung der Schulen ans Internet zu verbessern, die Funklöcher abseits der Metropolen zu schließen und die Öffentliche Verwaltung ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Passiert ist wenig. Auch das ist bekannt. Doch anscheinend ist nicht jede*r Deutsche so erpicht darauf, diese Dienste auch zu nutzen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey Digital haben die Europäer verstärkt zu digitalen Angeboten in den Sektoren Lebensmittel, Banking, Versicherungen, Einzelhandel, Unterhaltung, Bildung, öffentliche Verwaltung oder Gesundheit gegriffen. Im Verhältnis zu ihren Nachbarn haben die Deutschen jedoch auch da eher zögerlich agiert und rangieren an vorletzter Stelle. Nur 65 % sind wirklich digital unterwegs, lediglich bei den Schweizern sieht es mit 64 % noch analoger aus.

Wenn also ein Drittel der Deutschen sich der digitalen Nutzung verweigert (lieber im Laden shoppen geht statt im Internet, den Termin für den neuen Reisepass nicht online verabredet, wenig Wert auf Onlinebanking legt und ein Problem damit hat, dass der Matheunterricht der Tochter per Webcam übertragen wird), was sagt es dann über den Zustand unserer Gesellschaft aus? Sind es nur die Alten, die sich dem Fortschritt verweigern? Oder ist es sogar natürlich, dass der Mensch kein reiner Homo Digitalensis ist, sondern auf persönliche Kontakte Wert legt? Laut Studie sind dafür noch zwei andere Faktoren ausschlaggebend: ein unvollständiges Angebot sowie die Sorge um den Datenschutz. Besonders bemerkbar macht sich das beim Zahlungsvorgang.

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Wie – du zahlst mit dem Handy?

Geld stinkt nicht, aber an ihm klebte über ein Jahr lang der Geruch von COVID-19. Nicht nur die Supermärkte stellten große Schilder an die Kasse, auf denen um Kartenzahlung gebeten wurde. Wer aber jetzt erwartet hat, dass Michel und Micheline permanent auf das Bargeld verzichten würden, hat die Rechnung nicht ohne die Trägheit gemacht. Der Fetisch Bargeld scheint in Zeiten der permanenten Veränderung ein Rettungsanker zu sein, an dem sich der bzw. die gemeine Deutsche festhält. Laut einer Studie des schwedischen Zahlungsanbieters Klarna will knapp die Hälfte der Befragten (49 %) weiterhin mit Bargeld zahlen. Im Vergleich dazu: Schweden 9 %, Finnland 15 %, Norwegen 14 %. Mit dem Handy zahlen in Deutschland sogar nur ganze 9 % der Kunden und Kundinnen.

Vielleicht hat das aber auch mit dem verstärkten Trend zur Schwarzarbeit zu tun, denn wenn man dem Institut für angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen Glauben schenkt, ist der monetäre Umfang der Schwarzarbeit 2020 auf fast 340 Milliarden Euro angestiegen. Und das liegt nicht nur daran, dass auch und gerade die Friseure in der Pandemie gerne mal Hausbesuche gemacht haben, die aus mehreren Gründen lieber im Verborgenen bleiben sollen. Trotz Kurzarbeitergeld werden in Pflegeberufen, auf dem Bau und in vielen anderen Branchen die Löhne gerne an den Sozialkassen und am Fiskus vorbei gezahlt. Und das Bargeld landet natürlich nicht unter der Matratze oder im Sparschwein.

Das wächst sich aus

Die unterschiedlichen Studien – von McKinsey bis Klarna – haben immerhin ergeben, dass vor allem die ältere Generation fremdelt. Nicht einmal die Hälfte der über 65-Jährigen nutzt laut Bitkom das Smartphone. Die Digital Natives werden den Trend sehr viel schneller bestimmen als den Analogisten lieb ist. Und noch eines stimmt positiv: Immerhin hat die Wirtschaft begriffen, dass die Zukunft digital denkt. Die Befragung des Branchenverbandes Bitkom ergab, dass die Corona-Pandemie in der deutschen Wirtschaft die Bedenken gegen die Digitalisierung fast vollständig hat verschwinden lassen. Gut ein Jahr nach dem ersten Lockdown zweifeln nur noch 12 % aller Unternehmen mit 20 oder mehr Beschäftigten am wirtschaftlichen Nutzen der Digitalisierung für ihr Unternehmen. Und das wird sich früher oder später auszahlen. Aber nicht in bar.

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