

6. September 2019
Vernetzte Fabriken, intelligente Maschinen und neue Geschรคftsmodelle: Mit dem Zukunftsprojekt โIndustrie 4.0โ fungiert die Politik als Impulsgeber fรผr den Einsatz digitaler Technologien in der Industrie. Die โHerzkammerโ der deutschen Wirtschaft sieht neuen Zeiten entgegen.
In kaum einer Branche sind die Auswirkungen der digitalen Transformation auch in ihrer sprachlichen Ausprรคgung so spรผrbar wie in der Automobilindustrie. Beispielhaft hierfรผr steht der amerikanische Anbieter Tesla. Er ist inzwischen zum Symbol fรผr das neue Zeitalter der Elektromobilitรคt geworden: Wenn dessen Bordcomputer โdas neurale Netz aus Bild-, Ultraschall- und Radarsignal-Verarbeitungssoftwareโ dirigiert, wie auf der Website zu lesen ist, hat das mit der Romantik stickiger Fabrikhallen und รถlverschmierter Hydraulikpressen kaum noch etwas gemein. Frรผher gehรถrte das Blaupunkt Autoradio mit Einbaublende zu den begehrtesten Objekten fรผr Elektronikliebhaber. Heute prรคsentieren sich die Fahrzeuge als rollende Rechenzentren mit Cloud-Anschluss und Sprachsteuerung.
Doch der Technologiewandel findet nicht nur unter den Karosserien hochpreisiger Elektroautos statt. Er betrifft vor allem die Produktionsablรคufe selbst. Und hier haben sich die meisten Industriezweige lรคngst auf die digitale Transformation eingestellt. Ob Transportwesen, Logistik oder Maschinenbau: Das einst von der Bundesregierung erdachte digitale Zukunftsversprechen unter dem Leitbegriff Industrie 4.0 ist in vielen Firmen konkrete Realitรคt.
Heute steuern und รผberwachen Terabyte-schwere Kommunikationssysteme komplette Fabrikationsprozesse. Sรคmtliche an der Wertschรถpfung beteiligten Werkstรผcke und Maschinen sind miteinander vernetzt und liefern Daten in Echtzeit, dezentral und vollautomatisiert. Alles ist รผber standardisierte Schnittstellen miteinander verbunden: Customer-Relationship-Management-Systeme interagieren direkt mit der Produktionsplanung, softwarebasierte Schnittstellen verknรผpfen Warenwirtschaft, Produktionsรผberwachung und Controlling. So kรถnnen Service- und Dienstleistungsangebote fรผr den Kunden noch individueller, kostengรผnstiger und ressourcensparender bereitgestellt werden. Schรถne neue digitale Welt โ doch inwieweit ist diese in der deutschen Unternehmenswirklichkeit tatsรคchlich angekommen?
Generell haben die meisten deutschen Industriezweige die Potenziale der Digitalisierung durchaus fรผr sich erkannt: Laut dem von derย Deutschen Telekom beauftragten Digitalisierungsindex 2018ย haben knapp 35 Prozent der befragten Industrieunternehmen ihre Maschinen, Prozesse und Produkte รผber die gesamte Lieferkette hinweg vernetzt und damit den Ausbau zu โSmart Factoriesโ vorangetrieben. Allgemein sehen insgesamt 47 Prozent die Digitalisierung als festen Bestandteil ihrer Geschรคftsstrategie. Nach Branchen aufgeteilt steht die Elektroindustrie gemรคร einerย Studie der Staufen Unternehmensberatung (Industrie 4.0 Index 2018)ย mit einem Indexwert von 49 Punkten an der Spitze der Digitalisierungstreiber, vor der Automobilindustrie (46 Punkte) und dem Maschinen- und Anlagenbau (45 Punkte).

Ob Internet der Dinge oder Digitaler Zwilling: Der Einsatz innovativer Technologien ist fรผr die Wettbewerbsfรคhigkeit heute von entscheidender Bedeutung. Auch wenn der รถkonomische Effekt nur schwer messbar ist. Dennoch gibt es Schรคtzungen, nach denen bis 2025 die zusรคtzliche Bruttowertschรถpfung im Verarbeitenden Gewerbe etwa 70 bis 140 Milliarden Euro betragen kรถnnte. Dabei sind es vor allem drei wesentliche Faktoren, die zu jenen optimistischen Prognosen beitragen.
Alle Positionen entlang der Lieferkette sind komplett abgebildet. Dadurch kรถnnen Probleme wie Lieferengpรคsse oder รberproduktionen rechtzeitig vermieden werden.
Im internationalen Wettbewerb mรผssen Unternehmen den Anforderungen von Kundenbedรผrfnissen in kรผrzester Zeit gerecht werden. Neue Technologien ermรถglichen Agilitรคt in jeder Phase der Fertigung und Auslieferung.
Eine ganzheitliche Vernetzung durch Maschinen und Computer erhรถht die Produktionsleistung, reduziert Produktionsausfรคlle und senkt nachhaltig die Fehleranfรคlligkeit.
Mit Industrie 4.0 sind jedoch nicht nur eine Vielzahl von Chancen, sondern auch enorme Herausforderungen verbunden. Nicht selten resultieren diese aus erschwerten Rahmenbedingungen wie einem mangelhaften Breitbandangebot, aber auch aus Sicherheitsbedenken. Zudem werden Digitalisierungsprojekte hรคufig nur unzureichend oder gar nicht angestoรen. Grรผnde dafรผr sind fehlendes Know-how oder die Tatsache, dass Vorbehalte und Ignoranz dem Fortschrittsdenken innerhalb der betrieblichen Entscheidungsgremien entgegenstehen. Hier hat vor allem der Mittelstand noch erheblichen Nachholbedarf.

Dabei zeigen Beispiele wie die Zeppelin Baumaschinen GmbH aus Garching bei Mรผnchen, wie einfach der Umstieg gelingen kann โ ein Umstieg, der inzwischen alle Fachabteilungen gleichermaรen involviert. Bereits vor รผber 15 Jahren stellte das bayerische Unternehmen seine gesamte Verwaltung (Personal-, Kreditoren- und Debitorenbuchhaltung) mit Hilfe eines Enterprise-Content-Management-Systems auf elektronische Lรถsungen um. รber 5.000 Altakten und 100.000 Dokumente wurden komplett digitalisiert. Papier wird aktuell kaum noch genutzt. Dazu arbeitet der Mutterkonzern, die Zeppelin GmbH, am Ausbau eines digitalen Flottenmanagements: Per Datenbrillen sollen zukรผnftig die Informationen der Bagger und Radlader ausgelesen und analysiert werden kรถnnen. Schon jetzt sind die meisten Gerรคte zur Ermittlung der Maschinendaten mit Sensoren ausgestattet. Zudem soll bald die Reparatur der Gerรคte per Remote-Zugriff, also รผber Fernwartung, erfolgen โ menschliche und kรผnstliche Intelligenz arbeiten somit in harmonisch Hand in Hand. Zeppelin ist ein Beleg dafรผr, wie die im September 2018 beschlossene Hightech-Strategie der Bundesregierung sichtbare Frรผchte trรคgt.
Am Ende bleibt abzuwarten, ob im Segment der Baumaschinen bald das gleiche IT-Vokabular Einzug hรคlt, wie es bei Tesla schon Standard ist. Auch das ist eine Konsequenz des neuen Industrie-4.0-Zeitalters.
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