Zum Nachtisch bei OPTIMAL SYSTEMS auf der CeBIT 2016

Das IHE-Cookbook – eine internationale Methodik für das deutsche Gesundheitswesen

Gastautor Uwe Porwollik stellt ein einer vierteiligen Serie die weltweit agierende Initiative IHE Integrating the Healthcare Enterprise vor. Im vierten Blogbeitrag erfahren Sie, was das IHE-Cookbook ist und wie eine internationale Methodik auf das deutsche Gesundheitswesen angepasst wird.

Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich im Wandel und mit ihm die Gesundheits-IT (GIT) – Stichwort: Krankenhaus 4.0. Mehr als 400.000 neue Gesundheits-Apps (laut #SmartHealth-Studie 2016 der TK), Smartwatches, WLAN-Körperwagen, -Herzfrequenzmesser und -Blutdruckmessgeräte sowie Online-Gesundheitsportale drängen in den Markt. Ob jede Neuheit einen medizinischen Nutzen generieren wird, ist fraglich, auch, ob sie sich im Dschungel von Gesetzen und Datenschutzvorschriften durchsetzen wird. Fakt aber ist, dass in Zukunft eine viel größere Anzahl an medizinischen Informationen für den Behandlungs- und Genesungsprozess zur Verfügung stehen wird. IHE ist eine Möglichkeit, interoperable Infrastruktur voranzutreiben, die es ermöglicht, neu gewonnene Informationen bei Leistungserbringern und Kostenträgern zu verwerten. Denn der Hausarzt wird sicherlich nicht für jede neue Blutdruck- oder Herzinsuffizienz-App einen passenden Webzugang vorhalten. Die Informationen müssen direkt mit dem Arztinformationssystem des behandelnden Arztes interagieren können. Dafür ist es notwendig, dass internationale Methoden auf die Eigenheiten des deutschen Gesundheitswesens angepasst werden, was Datenschutz und Datensicherheit miteinbezieht. Das IHE-Cookbook ist eine Anleitung, wie intersektoraler medizinischer Informationsaustausch in Deutschland gestaltet wird.

IHE bringt Licht ins Dunkel!

Die Überwindung der Sektorengrenzen hat sich in den letzten Jahrzehnten zum größten Problem in der Gesundheits-IT entwickelt, stellen doch schon die Systemgrenzen innerhalb der Einrichtungen beinahe unüberwindliche Hürden dar. Den derzeit vielversprechendsten Ansatz für die Lösung dieses Problems bietet die internationale Initiative Integrating the Healthcare Enterprise (IHE). Wie in den vorangegangenen Beiträgen dargelegt, sorgt sie mit Hilfe des Interoperabilitätszyklus dafür, dass Geräte und Software entwickelt werden, die sich herstellerneutral und ohne Schnittstellenprobleme in die unterschiedlichsten Applikationslandschaften integrieren lassen. Plug and Play statt teurer Schnittstellenprobleme!

Medizinische Prozessabläufe sind überall gleich!

Eine Wunde ist eine Wunde und eine Spritze ist eine Spritze! Wie erstere nachhaltig desinfiziert und versorgt wird und wie letztere ein Serum über eine Kanüle in einen Körper befördert, darüber besteht in modernen Industrienationen Einigkeit. Die Prozesse sind weitestgehend gleich. Schwieriger wird es schon bei den Diagnosen. Zwar gibt es Klassifikationen wie der ICD 10, der zwar definiert, was zum Beispiel eine Schnitt- oder eine Bisswunde ist, aber auch hier gibt es nationale Unterschiede. Die Herstellung einer semantischen Interoperabilität bleibt eine Herausforderung. Aus diesem Grund denkt die IHE die Lösungsansätze vom Prozess aus, und definiert Profile in der IT-Infrastruktur und in den medizinischen Fachbereichen. Nur so kann eine technische und technologische Interoperabilität hergestellt werden. Aber auch hier gilt es, nationale Besonderheiten zu beachten. So behandelt das IHE-Cookbook die folgenden drei grundlegenden Bereiche:

  • rechtliche Rahmenbedingungen,
  • IHE Profile und weitere Standards und
  • Typen einrichtungsübergreifender elektronischer Patientenakten.

Die IHE Deutschland identifiziert diese „Nationalisierung“ nicht als Widerspruch zu einem internationalen Ansatz, sondern als prozessimmanente Notwendigkeit für die Herstellung von internationaler Interoperabilität. Analog zu einem Kochbuch werden Bestandteile aufgezählt und Vorgehensweisen erläutert, die eine erfolgreiche Anpassung internationaler Standards auf die deutschen Gegebenheiten ermöglichen.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Im ersten Schritt behandelt das IHE-Cookbook die rechtlichen Grundvoraussetzungen, die in Deutschland für den intersektoralen Informationsaustausch beachtet werden müssen. Dazu gehören die Gesetzestexte, die den Umgang mit personenbezogenen Daten regeln: das Bundesdatenschutzgesetz, das Sozialgesetzbuch sowie das Telemedizin und das Datenschutzgesetz. So kann zum Beispiel keine digitale Informationsverarbeitung vollzogen werden, ohne dass der Patient in den Prozess einwilligt. Und das im besten Fall auf digitalem Weg. Bei diesem Kapitel handelt es sich um die Standardanleitung, die jedes IHE-Projekt in Deutschland beachten sollte.

IHE Profile und weitere Standards

Welche IHE-Profile müssen berücksichtigt werden, wenn Gesundheitsinformationen „fließen“ sollen? In diesem Kapitel beschreibt das IHE-Cookbook, wie Dokumente ausgetauscht werden, was Akteure und Transaktionen sind, wie Serverzeiten synchronisiert und Zugriffsrechte und Authentifizierungsprozesse organisiert werden. Insofern handelt es sich um das ABC der technologischen Grundvoraussetzungen.

Einrichtungsübergreifende Patientenakten („ePA/PePa/eFA“)

In Deutschland gibt es drei wesentliche Konzepte für die Architektur von einrichtungsübergreifenden Patientenakten. Dazu gehört die „ePA“, die elektronische Patientenakte, in der einrichtungsübergreifend und zeitlich linear (longitudinal) Gesundheitsinformationen eines Patienten erfasst werden. Bei diesem Modell handelt es sich um eine arztgeführte Akte, die die Informationen der an der Behandlung beteiligten Einrichtungen zusammenführt. Die „PePA“ hingegen ist eine persönliche elektronische Patientenakte, die vom Patienten geführt wird. Sie unterscheidet sich im Wesentlichen darin von der „ePA“, dass die Berechtigungen allein durch den Patienten oder einem von ihm Bevollmächtigten erfolgen. Das ist die umfassendste Form einer elektronischen Patientenakte, die dem Patienten die volle Hoheit über seine Gesundheitsinformationen gibt. Die dritte in Deutschland relevante Akte ist die „eFA“, die elektronische Fallakte. Sie ist eine Sonderform der einrichtungsübergreifenden Patientenakten, da sie „nur“ der zweckgebundenen Zusammenführung von mehreren Informationen zu einem Patienten in einem Behandlungsfall dient. Wie die „ePA“ ist die „eFA“ ein arztgeführtes digitales Dokument bei dem sich die Beteiligung des Patienten auf eine einmalige Einwilligung beschränkt. Wird der Behandlungsfall abgeschlossen, wird auch die Akte geschlossen.

Darüber hinaus enthält das IHE-Cookbook die Beschreibung einer vollständigen Lösungsarchitektur, mit Hilfe derer die Umsetzung einer Plattform zum Austausch von Patienteninformationen geplant und realisiert werden kann. Das IHE-Cookbook ist ein „offenes“ Dokument, dass, wie die immer fortschreitende Ausdifferenzierung von IHE-Profilen, stetigen Anpassungen und Optimierungen unterworfen ist. Jeder Interessierte ist dazu eingeladen, sich in der IHE zu engagieren und das „Kochbuch“ für Interoperabilität in Deutschland weiterzuentwickeln.

Über den Autor:
Uwe Porwollik, Partner eHealth.Business,Vertriebs- und Projekterfolg im Gesundheitswesen.

» Weitere Informationen:
So unterstützen die Lösungen von OPTIMAL SYSTEMS die IHE-Philosophie.

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